Archäologischer Fund. Am 27. Juni 2001 wurde in Kaiseraugst (Kanton Aargau) bei Grabungen in der südwestlichen Vorstadt des spätrömischen castrum Rauracense ein Siegelring mit defektem Reif und kreisrunder Platte gefunden, auf der die Menora, der siebenarmige Leuchter aus dem Tempel in Jerusalem, flankiert von Lulav (Palmzweig) rechts und Etrog (Zitrusfrucht) links, zwei Symbolen des Laubhüttenfests, eingraviert ist. Das Metall des Reifs konnte als Messing bestimmt werden. Der Ring datiert ins 4. Jahrhundert der heutigen Zeitrechnung.

Jüdische Symbole. Während Jahrhunderten hatte im jüdischen Kunsthandwerk eine erhebliche Scheu bestanden, heilige Geräte abzubilden. Dies ändert im 4. Jahrhundert als Reaktion auf die Verbreitung des Christentums und seiner Symbole von Grund auf. Die Darstellung besonders der Menora, aber auch anderer jüdischer Symbole wird durchaus geläufig. Von den verschiedenen Deutungsversuchen zur Symbolik der Menora in der Spätantike sind besonders der messianische Gedanke und die Abgrenzung vom Christentum in den Vordergrund zu stellen.

Jüdische Präsenz zur Römerzeit? Der Ring ist schon als „bisher ältester jüdischer Fund aus der Schweiz“ oder als „ältestes Zeugnis des Judentums aus der Schweiz“ angesprochen worden. Dies ist insofern bedingt richtig als wir mit dem Ring über einen ersten eindeutigen Hinweis auf die Präsenz von Juden oder einer jüdischen Person in der heutigen Schweiz verfügen. Allerdings gibt es aus der Schweiz in Form von in Judäa geprägten Münzen zwei Judaica, die noch älter sind als der Menora-Ring. Aber die beiden Münzen aus Martigny und Augst müssen nicht zwingend von jüdischen Glaubensangehörigen mitgebracht worden, sondern können auch durch römische Militärpersonen, die in Palästina Dienst getan hatten, zu uns gelangt sein. Die Prägung des Ersten Jüdischen Aufstands aus den Jahren 67/68 der heutigen Zeitrechnung aus Martigny mit der hebräischen Beischrift „Freiheit für Zion“ ist sogar ein besonders eindrückliches Zeugnis des Judentums, während die Mittelbronze König Agrippas II. mit dem Porträt des Domitian von 85/86 aus Augst einer beliebigen Prägung dieses römischen Kaisers nahe kommt.

Wer den Ring getragen hat muss unbekannt bleiben. Man kann nur spekulativ fragen, ob er die Präsenz eines einzelnen, vielleicht zu den jüdischen Gemeinschaften in Köln oder Trier reisenden oder von dort herkommenden jüdischen Kaufmanns anzeigt, oder ob er, wenn er von einer Frau getragen wurde, die Anwesenheit einer jüdischen Familie bezeugt, die sich vor den Toren des castrum Rauracense niedergelassen hatte. Zur Annahme einer jüdischen Gemeinde im spätrömischen Kaiseraugst müssten weitere jüdische Funde gemacht oder besser noch ein Synagogengrundriss entdeckt werden, wie er mit einiger Wahrscheinlichkeit in Köln erkannt worden ist. Unbekannt bleiben muss auch die Herkunft des Trägers oder der Trägerin. Parallelen zur Anordnung der drei Symbole finden sich in Italien, und auch die grosse, weit über Rom hinausgehende jüdische Gemeinschaft der Halbinsel lässt besonders eine Herkunft aus Italien als möglich erscheinen.

Ludwig Berger, ludwig.berger@unibas.ch

Literatur

Ludwig Berger (Hg.), mit Beiträgen von Bruno W. Häuptli, Thomas Hufschmid, Franziska Lengsfeld, Urs Müller, Kurt Paulus und Verena Vogel Müller: Der Menora-Ring von Kaiseraugst. Jüdische Zeugnisse römischer Zeit zwischen Britannien und Pannonien. Forschungen in Augst, Band 36, Augst 2005. Yvette Mottier: Der Menora-Ring von Kaiseraugst. Zur Ikonographie. Helvetia archaeologica 148, 2006, 135-146.

Ludwig Berger: Lulav oder Schofar? Nachlese zum Menora-Ring aus Kaiseraugst. Erscheint in der Festschrift für Stefanie Martin-Kilcher, voraussichtlich 2010 oder 2011 als Band 47 der Reihe Antiqua, Basel.

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