Vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg kamen einige tausend Holocaust- Überlebende auf unterschiedlichen Wegen in die Schweiz. Heute ist die Zahl der in der Schweiz lebenden Holocaust-Überlebenden auf 100 bis 300 zu schätzen.

Zeugen. Im engeren Sinne sind Holocaust-Überlebende Menschen, die in Deutschland und den von den Deutschen besetzten oder mit ihnen verbündeten Gebieten zwischen 1938 und 1945 verfolgt wurden und der Todesgefahr ausgesetzt waren. Sie haben in Arbeits-, Konzentrations- oder Vernichtungslagern, in Verstecken, untergetaucht, mit falschen Papieren, bei Partisanen und Widerstandsbewegungen oder durch Flucht in kriegsverschonte Länder überlebt. Somit sind sie sowohl Zeugen für die fast 6 Mio. Opfer als auch ein Zeugnis für das Leben nach der Shoah.

Wege in die Schweiz. Ihre Wege in die Schweiz lassen sich folgendermassen zusammenfassen:

Emigration zwischen 1933 und 1939: Vor Kriegsausbruch gelang es Juden, in die Schweiz. die sich ausschliesslich als Transitland verstand, zu immigrieren. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges befanden sich etwa 12'000 jüdische Emigranten in der Schweiz.

Flucht während des Kriegs: Trotz der Flüchtlingspolitik der Schweiz, die seit Jahrzehnten besonders Juden gegenüber sehr restriktiv war und mit den Grenzsperren 1939 und 1942 ihren Höhepunkt erreichte, und trotz der vielen Ausschaffungen und Rückweisungen an der Grenze (mindestens 24'500 sind nachgewiesen) konnten sich etwa 22'500 jüdische Flüchtlinge in die Schweiz retten. Viele von ihnen verdankten ihr Überleben Menschen, die ihnen bei der Flucht oder im Versteck halfen und sich für sie einsetzten.

Erholungsaufenthalte: Nach dem Krieg gestattete die Schweiz einigen hundert mehrheitlich jugendlichen Überlebenden, zur Erholung in die Schweiz zu kommen. Bekannt ist vor allem die „Buchenwaldaktion“, mit der im Juni 1945 377 jüdische Holocaust-Überlebende aus dem Konzentrationslager Buchenwald in die Schweiz kamen.

1956: Während des ungarischen Aufstands 1956 und vor allem während dessen blutiger Niederschlagung durch die Rote Armee flohen 200'000 Ungarn in westliche Länder, darunter auch manche Holocaust-Überlebenden.

1968: Als der Prager Frühling in der Tschechoslowakei am 21. August 1968 durch die Truppen des Warschauer-Pakts auf Befehl der Sowjetunion hin erstickt wurde, beantragten viele Urlauber im Ausland Asyl. Zudem löste die Gewalt eine Fluchtwelle aus. Bis Ende 1969 flohen 150'000 Tschechoslowaken, 13'000 davon in die Schweiz, darunter auch jüdische Holocaust- Überlebende.

1970-1990: Gegen Ende des sowjetischen Regimes gab es aus Russland weitere sporadische Flüchtlingsbewegungen, mit denen ebenfalls Holocaust-Überlebende in die Schweiz gelangten. Weiter führten auch private und berufliche Gründe Holocaust-Überlebende in die Schweiz, darunter auch einige Remigranten, die nach dem Krieg aus der Schweiz weiterwandern mussten und später zurückgekehrt sind.

Veränderte Haltung. Deutlich zeigt sich im Verlauf der Jahrzehnte nach dem Krieg eine sich stark verändernde Einstellung der Schweizer Behörden den Flüchtlingen gegenüber, die während des Zweiten Weltkriegs einen Tief- und 1956 einen Höhepunkt erreichte. Ersterer war gekennzeichnet von der Grenzsperre, den Rückweisungen in den sicheren Tod und einem starken Zwang zur Weiterwanderung. So befanden sich 1952 nur noch 1’600 von ehemals etwa 30'000 jüdischen Flüchtlingen in der Schweiz. 1956 hingegen waren die Grenzen offen und die Flüchtlinge willkommen. Dies kann zum einen auf die Ratifizierung der Internationalen Flüchtlingskonvention (1954), durch die das Asylrecht zu Völkerrecht wurde, und zum andern durch den kurz zuvor vorgelegten Ludwig-Bericht, der nüchtern die Versäumnisse und Unterlassungen der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges auflistete, zurückgeführt werden. Zudem herrschte 1956 Vollbeschäftigung und die Flüchtlinge waren zum grossen Teil hochqualifizierte Facharbeiter, Akademiker oder Studenten.

Im Leben stehend. Obwohl alle Holocaust-Überlebenden traumatische Erfahrungen gemacht haben, zeigt sich doch im Allgemeinen eine erstaunliche Lebens- und Leistungsfähigkeit. Nichtsdestotrotz hat die Verfolgung Spuren hinterlassen. Überlebende nennen zumeist Angst, Schlafstörungen, jahrelange Albträume, Gefühle der Überlebensschuld, der Heimat- und Wurzellosigkeit, Trauer, Depression und tiefgreifende Zweifel am Menschen- und Gottesbild.

Esther Hörnlimann, esther.hoernlimann@gmx.ch

Rechtlicher Hinweis: Dieses Factsheet darf gesamthaft oder auszugsweise mit dem Hinweis «SIG Factsheet» zitiert werden

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