Im Mittelalter befassten sich in Europa sowohl Geistliche als auch Laien mit der Heilkunde. Die Laienärzte erlernten ihren Beruf entweder im Rahmen eines Universitätsstudiums und schlossen es als Magistri oder Doctores ab, oder aber sie waren Empiriker, die bei einem Arzt in die Lehre gingen. Letztere waren keine Akademiker und wurden - analog zu den Handwerkern - „Meister“ genannt. Die Mehrheit der damals in Deutschland und in der Schweiz tätigen Ärzte, auch der jüdischen, waren Empiriker und werden daher mit dem Zusatz „Meister“ erwähnt.

Viele Juden. Der überdurchschnittlich grosse Anteil jüdischer Ärzte unter den Laien hatte mehrere Gründe: Zum einen waren den Juden die meisten Berufe verwehrt, so dass sich oft neben der Funktion des Geldverleihers nur noch der Arztberuf anbot. Zudem gilt die Ausübung der Heilkunde im Judentum als Gebot. Gegenüber Nichtjuden waren sie wegen ihrer häufig grösseren Bildung und ihrer - sei es auf freiwilligen Reisen oder auf notgedrungenem Wandern - erworbenen Erfahrung und Geschicklichkeit bevorzugt.

Privilegiert. Jüdische Ärzte hatten im Mittelalter in ganz Europa eine spezielle Bedeutung und nahmen häufig eine privilegierte Stellung ein, was sich unter anderem darin zeigte, dass das kirchliche Verbot für Christen, sich von Juden behandeln zu lassen, selbst von einigen Päpsten durchbrochen wurde. Anlässlich der Vertreibungen von Juden aus den grossen Städten der Schweiz wurde den jüdischen Ärzten oftmals erlaubt zu bleiben, oder sie durften nach einer Ausweisung wenig später wieder Wohnsitz nehmen. Dazu einige Beispiele: Als in den Pestjahren 1348/49 die Juden Basels grösstenteils ermordet wurden, dürfte u.a. ein jüdischer Arzt überlebt haben, der im Jahre 1358 in Frankfurt a.M. als Judenarzt Jakob von Basel tätig war. Basel stellte kurze Zeit später hintereinander zwei jüdische Stadtärzte an, zunächst Magister Jocet (1370-1377), der von 1356-1370 in Fribourg praktiziert hatte, anschliessend Gutleben, der zwischendurch möglicherweise einen Abstecher nach Strassburg und Colmar machte. Nachdem sich die zweite jüdische Gemeinde Basels 1397 aufgelöst hatte, wurde Gutleben ein weiteres Mal für zehn Jahre als Stadtarzt angestellt.

Nach seinem Tod im Jahr 1406 lebten während 400 Jahren keine Juden mehr in der Stadt. Einzige Ausnahme war Magister Helyas Sabbati, Leibarzt des Königs von England und zweier Päpste, der 1410 drei Monate in der Stadt weilte. Allerdings praktizierte unter dem Schutz des Bischofs von Basel in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor den Toren der Stadt mehrere Jahrzehnte lang der jüdische Arzt Joseph von Allschwil, was namentlich dem damaligen Stadtarzt von Basel, Felix Platter, ein Dorn im Auge war. 1596 erhielt Joseph als besonderes Privileg für sich und seine Nachkommen die Niederlassungsbewilligung auf Lebenszeit. Fribourg beherbergte nach dem bereits erwähnten Jocet noch mehrere jüdische Ärzte.

Einer von diesen, Abraham, wurde 1428 hingerichtet, und selbst als danach die Regierung beschloss, die Juden aus der Stadt Fribourg zu verbannen, wurde dem Arzt Akin erlaubt, bis zum Ablauf seines Aufenthaltsvertrags zu bleiben. Doch bereits 1458 wurde der jüdische Arzt Manasse nach Fribourg berufen, um einen kranken Ratsherren zu behandeln. Ab 1461 wohnte dieser Arzt in Fribourg und durfte auch bleiben, als 1463 alle Juden ein weiteres Mal vertrieben wurden. Ab 1464 wird mit Vinan de la Tor ein weiterer jüdischer Arzt erwähnt, der fast 30 Jahre in Fribourg lebte, häufig auch von anderen Ortschaften konsultiert wurde und 1477 sogar davon dispensiert wurde, das Judenzeichen zu tragen. Auch die Juden Schaffhausens wurden mehrmals vertrieben. Ab 1475 lebten dort für mehrere Jahrhunderte keine Juden, wiederum mit einer Ausnahme: Zwischen 1535 und 1561 durfte sich David, dem von den neun Kantonen der damaligen Eidgenossenschaft als geschicktem und geschätztem Arzt freies Geleit zugebilligt wurde, als einziger Jude in Schaffhausen niederlassen. Sein Sohn Samuel wurde nach dem Tod des Vaters ausgewiesen.

Neuzeit. Ab Ende des 16. Jahrhunderts sind in der Schweiz bis in die Neuzeit keine jüdischen Ärzte mehr erwähnt; auch unter den ab dem 17. Jahrhundert im Surbtal lebenden Juden finden sich keine Ärzte. Im 19. Jahrhundert kamen Juden aus verschiedenen Ländern, u.a. Deutschland und Russland, in die Schweiz, um Medizin zu studieren. Einige von ihnen liessen sich in der Folge auch in der Schweiz nieder. Der erste jüdische Surbtaler Medizinstudent in Zürich, Leman Bloch, immatrikulierte sich für das Sommersemester 1851 an der Universität Zürich.

Daniel Teichman daniel.teichman@bluewin.ch

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