Seit dem 16. Jahrhundert existierten im Nordwesten der Schweiz unterschiedliche Ausprägungen jüdischen Lebens auf dem Land. Neben mobilen Lebensformen in kleinsten Gruppen etablierten sich vereinzelt stabile Siedlungen, die sich zu Gemeinden entwickeln konnten. Anders als Endingen und Lengnau im aargauischen Surbtal überdauerten sie das Ende des Ancien Régime allerdings nicht.

Landjudentum. Im deutschsprachigen Teil des Fürstbistums Basel, der heute zum Kanton Basel-Landschaft gehört, lebten zwischen 1567 und 1694 Juden in verschiedenen ländlichen Gemeinden: in Allschwil (seit 1567 bis ca. 1612, nach 1660 bis 1694 Vertreibung), Zwingen (1573 bis 1580), Röschenz (1574), Blauen (1577), Arlesheim (1580 bis ca. 1612, nach 1660 bis 1678 Vertreibung), Oberwil und Schönenbuch (beide nach 1660 bis 1694 Vertreibung). In unmittelbarer Nachbarschaft zu diesen damals zum Reich gehörenden Orten, im solothurnischen Dornach, lassen sich zwischen 1657 und 1736 (Vertreibung) kontinuierlich Juden nachweisen.

Ursprünge im Dunkel. Meist liegen die Gründe für den Zuzug der Juden im Dunkeln; neben Vertreibungen aus anderen Territorien, der Flucht vor kriegerischen Ereignissen oder generell der Suche nach günstigeren Lebensbedingungen spielen familiäre Beziehungen bei der Zuwanderung und auch der Mobilität zwischen Orten desselben Territoriums eine wichtige Rolle. Im Fürstbistum regelten befristete Schutzbriefe die finanziellen, rechtlichen und ökonomischen Bedingungen der Aufnahme, nicht aber die religiösen. In Solothurn bezahlten die Juden jährlich Schirmgelder, mit den Schutzbriefen vergleichbare Regelungen ihrer Lebensgrundlagen sind jedoch nicht überliefert. In beiden Herrschaften lässt sich keine systematische Ansiedlungspolitik nachweisen. Die Entstehung jüdischer Ansiedlungen scheint vielmehr das Ergebnis einer Kooperation zwischen zuziehenden Juden und sie aufnehmenden Gemeinden gewesen zu sein. Der geringfügige Einfluss der Obrigkeiten erschliesst sich aus dem Umstand, dass diese oftmals lediglich nachvollzogen, was die Gemeinden, in denen Juden untergekommen waren, bereits (wenn nicht formell, so doch faktisch) entschieden hatten. Bei der Zerstörung jüdischer Siedlungen durch Vertreibung hingegen war obrigkeitliches Handeln von zentraler Bedeutung.

Bildung von Gemeinden. Während die meisten Ansiedlungen sehr kurzlebig und klein waren, entwickelten sich in Allschwil und Dornach vorübergehend Gemeinden, die ohne Zuzug von Gästen gross genug waren, um Gottesdienst abzuhalten. Zudem dürfte Allschwil um 1690 mit etwa 120 jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern die grösste Ansiedlung der Gegend gewesen sein. (Hegenheim als bevölkerungsstärkste jüdische Gemeinde der elsässischen Nachbarschaft wies 1689 14 Familien auf, Allschwil 1690 17 oder 18.) Mit knapp einem Viertel der Dorfbevölkerung stellten die Allschwiler Juden eine namhafte Minderheit dar. Allschwil war zudem die einzige Gemeinde, die zumindest vorübergehend einen Rabbiner hatte. In Dornach lebten 1736 zirka 55 Jüdinnen und Juden, was rund zehn Prozent der Einwohnerschaft ausmachte. Der einzige jüdische Friedhof der Gegend befand sich zwischen 1573 und 1673 in Zwingen, allerdings ohne dass sich hier jüdisches Leben kontinuierlich etablierte.

Übergemeindliche Verbindungen. Die jüdischen Ansiedlungen im Nordwesten der heutigen Schweiz zeichneten sich durch eine Palette unterschiedlicher Lebensformen aus, in der es neben Kleinstgemeinschaften stabilere, langlebigere Gemeinden gab. Charakteristisch für diese weitgehend vereinzelte Lebensweise sind die über die einzelnen Ortschaften hinausgehenden Verbindungen. Sie machten religiöses Leben und institutionelle Strukturen wie beispielsweise eine jüdische Gerichtsbarkeit erst möglich. Bemerkenswert ist, dass diese übergemeindliche Organisationsstruktur an territorialen Grenzen nicht Halt machte.

Anna C. Fridrich, a.c.fridrich@web.de

Literatur

Anna C. Fridrich: Zur Entstehung von Landjudengemeinden im Nordwesten der heutigen schweizerischen Eidgenossenschaft (16.-18. Jahrhundert), in: Rolf Kiessling, Peter Rauscher, Stefan Rohrbacher, Barbara Staudinger (Hrsg.): Räume und Wege. Jüdische Geschichte im Alten Reich 1300- 1800; Akademie Verlag, Berlin 2007; S. 23-45.

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