Antisemitismusbericht 2025 – Antisemitische Vorfälle bleiben erhöht, Online-Vorfälle nehmen stark zu

Die Zahl antisemitischer Vorfälle in der Schweiz verbleibt auch 2025 auf einem deutlich erhöhten Niveau. Der Krieg im Nahen Osten wirkt seit dem 7. Oktober 2023 als dominanter langfristiger Trigger. Während die Vorfälle in der realen Welt im Berichtsjahr zurückgingen, nahm der Online-Antisemitismus stark zu. Der Antisemitismusbericht 2025 des SIG und der GRA zeigt: Eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor dem 7. Oktober 2023 ist bislang nicht erkennbar. Für die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz bedeutet dies eine Dauerbelastung.
Das Jahr 2025 war erneut von einer hohen Zahl antisemitischer Vorfälle in der Schweiz geprägt. Im Online-Bereich stieg die Zahl antisemitischer Vorfälle um 37 Prozent weiter an, in der realen Welt ist ein Rückgang von knapp 20 Prozent zu verzeichnen. Insgesamt bleibt das Niveau deutlich höher als vor dem 7. Oktober 2023. Der Krieg im Nahen Osten erwies sich wiederum als zentraler Auslöser antisemitischer Vorfälle. Die Erhebungen des Antisemitismusberichts des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG und der GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus zeigen keine nachhaltige Entspannung, sondern eine Verfestigung der angespannten Lage.
Zu den Zahlen und Kategorien des Jahres 2025
Online wurden im Berichtsjahr 2185 antisemitische Vorfälle registriert (2024: 1596), was einer Zunahme von 36,9 Prozent entspricht. Der SIG nutzt dafür seit 2024 eine neue Methodik zur systematischen Erfassung antisemitischer Inhalte. Ein Vergleich mit Zahlen vor dem Jahr 2024 ist daher nicht möglich. Mit 1445 Fällen entfiel der mit Abstand grösste Teil der Online-Vorfälle auf Telegram (2024: 890). Die Kommentarspalten von Online-Zeitungen bildeten mit 380 Vorfällen (2024: 300) den zweitgrössten Bereich. Antisemitische Inhalte fanden sich zudem auf allen grossen Social Media-Plattformen. Inhaltlich dominierten antisemitische Verschwörungstheorien mit 42 Prozent der Online-Vorfälle (2024: 42 Prozent). 39,3 Prozent entfielen auf Antisemitismus allgemein, 12,4 Prozent auf israelbezogenen Antisemitismus (2024: 16,7 Prozent) und 6,3 Prozent auf Schoahleugnung oder -banalisierung (2024: 6 Prozent). Mindestens 24 Prozent der Online-Vorfälle wiesen einen direkten Bezug zum Krieg im Nahen Osten auf (2024: 28,3 Prozent).
In der realen Welt wurden 177 antisemitische Vorfälle registriert (2024: 221, 2022: 57). Damit ging die Zahl gegenüber dem Vorjahr zurück, liegt aber weiterhin rund dreimal höher als vor dem 7. Oktober 2023. Gemeldet wurden 5 Tätlichkeiten (2024: 11; 2022: 1), 42 Beschimpfungen (2024: 42; 2022: 16), 80 antisemitische Aussagen (2024: 103; 2022: 6) sowie 28 Schmierereien (2024: 44; 2022: 9). Der Krieg im Nahen Osten blieb mit 37,3 Prozent der Fälle der wichtigste Trigger (2024: 44,8 Prozent).
Das zentrale Problem: anhaltend hohes Niveau antisemitischer Vorfälle
Der Krieg im Nahen Osten wirkt seit dem 7. Oktober 2023 als dominanter langfristiger Trigger für antisemitische Vorfälle in der Schweiz. Auch 2025 blieb dieser Einfluss prägend. Eine Rückkehr zum Niveau vor dem 7. Oktober ist bislang nicht erkennbar.
Diese Verfestigung zeigt sich besonders deutlich im Online-Bereich, wo die Zahl antisemitischer Vorfälle weiter zunahm. 24 Prozent der antisemitischen Posts und Kommentare wiesen einen direkten Bezug zum Krieg im Nahen Osten auf, indirekt dürften es mehr sein. Die monatliche Auswertung zeigt diesen Zusammenhang klar: Nach einschlägigen Ereignissen kam es wiederholt zu markanten Ausschlägen, besonders ausgeprägt im Juni 2025 im Zusammenhang mit dem Krieg zwischen Israel und Iran. Der Einfluss zeigt sich auch in der realen Welt. Bei 37,3 Prozent der Fälle bestand ein direkter Zusammenhang zum Nahost-Konflikt. In vielen Fällen ist die Motivation der Täterinnen und Täter nicht bekannt, der tatsächliche Anteil dürfte daher auch hier höher liegen. Soweit eine Zuordnung möglich war, lassen sich die Vorfälle verschiedenen bekannten Milieus zuordnen. Dazu gehören rechtsextreme, linksextreme, islamistische, verschwörungsaffine sowie radikal pro-palästinensische Akteure und schliesslich die Mitte der Gesellschaft selbst.
Insgesamt verdeutlichen die Befunde, dass Antisemitismus in der Schweiz weiterhin kein temporäres Krisenphänomen ist. Der anhaltende Einfluss des Nahostkriegs, das in allen Kategorien beobachtbare dauerhaft erhöhte Grundniveau und die fehlende Entspannung im digitalen Raum prägen die Lage auch 2025. Diese Konstellation macht deutlich, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt, das über einzelne Ereignisse hinausweist und langfristige Antworten erfordert.
Antisemitismus darf nicht als «normal» und «unvermeidbar» hingenommen werden
Die anhaltend hohe Zahl antisemitischer Vorfälle wirkt sich zunehmend auf das Sicherheitsgefühl und die gesellschaftliche Teilhabe jüdischer Menschen in der Schweiz aus. Für viele ist Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 keine abstrakte Grösse mehr, sondern eine dauerhafte Belastung. Jüdische Menschen vermeiden es, religiöse Symbole öffentlich zu tragen oder bestimmte Orte und Veranstaltungen aufzusuchen. Dies weist auf eine schleichende Einschränkung jüdischen Lebens im öffentlichen Raum hin. Besorgniserregend ist zudem die zunehmende Normalisierung antisemitischer Narrative. Antisemitische Aussagen und Pauschalisierungen werden in Teilen der Gesellschaft toleriert oder relativiert, insbesondere im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. GRA und SIG warnen davor, dass Politik und Gesellschaft ein gewisses Mass an Antisemitismus als «normal» oder «unvermeidbar» hinnehmen. Dies würde die Grundlagen eines demokratischen Staates zersetzen. Einer solchen Entwicklung muss entschieden entgegengetreten werden.
Vor diesem Hintergrund fordern GRA und SIG, dass der Schutz jüdischen Lebens in der Schweiz dauerhaft gewährleistet wird. Die vom Bundesrat verabschiedete Nationale Strategie gegen Rassismus und Antisemitismus ist ein wichtiger Schritt, entscheidend wird jedoch der konkrete Aktionsplan sein. Dieser muss mit klaren Zuständigkeiten, verbindlichen Massnahmen und ausreichenden finanziellen und personellen Ressourcen hinterlegt werden. Dazu gehören langfristig wirkende Sicherheitsmassnahmen, Investitionen in Präventions- und Sensibilisierungsarbeit, insbesondere im Bildungsbereich, sowie mehr Engagement beim Monitoring. Antisemitismus wirksam zu bekämpfen ist keine kurzfristige Aufgabe, sondern eine dauerhafte Verantwortung von Staat und Gesellschaft.
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Ganzer BerichtDer seit dem 7. Oktober 2023 stark angestiegene Antisemitismus in der Schweiz bleibt auf hohem Niveau. Während die Vorfälle in der realen Welt leicht zurückgingen, nahm der Online-Antisemitismus deutlich zu. Der Krieg im Nahen Osten wirkt weiterhin als zentraler Trigger. Für jüdische Menschen in der Schweiz bedeutet dies eine anhaltende Belastung ihres Sicherheitsgefühls und ihres Alltags.
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Entwicklung von Antisemitismuserfahrungen unter Jüdinnen und Juden in der Schweiz: Ergebnisse einer Wiederholungsbefragung 2020 und 2024
Ende 2024 führten Forschende der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW und der Haute école de travail social Fribourg HETS-FR nach 2020 zum zweiten Mal eine Befragung unter Schweizer Jüdinnen und Juden zu ihren Antisemitismuserfahrungen durch.
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